Fortsetzungsroman "CLONE CITY" von Brigitte Tietzel

Kapitel 11 vom 19.05.2024:


11

 

Zeta. Sie nannten sie also Zeta. Auch einer von diesen modernen, klangvollen, nichtssagenden Frauennamen. Wer mochten ihre Eltern sein? Hatte sie überhaupt Eltern? Wallraf hatte nichts über ihren Hintergrund erzählt. Ob man bei ihrer Geburt auf die richtige Genkombination geachtet hatte? Sie war ganz offensichtlich nicht, wie ihre Kolleginnen, nach dem allgemeinen Musterbuch zusammengestellt worden. Wer immer sie hervorgebracht hatte, hatte einen ausgesucht guten Geschmack bewiesen. War es möglich, dass ihre Eltern, wie meine eigenen, der Natur weitgehend freien Lauf gelassen hatten? Dass sie vielleicht lediglich das Geschlecht bestimmt und darauf geachtet hatten, dass sich keine wesentlichen Krankheiten in ihrer Tochter einnisteten? Oder ob man sie auf natürlichem Wege, so wie Arena und ich? Nein, ausgeschlossen, Maria war etwa so alt wie ich. Damals wäre eine unkontrollierte Zeugung keinesfalls erlaubt worden.

 

Aber sie war so schön, so über alle Maßen – lieblich. Sanft, wie Wallraf sie beschrieben hatte und freundlich, liebenswürdig. Ich hätte ihr stundenlang zuhören können, als sie mir die verschiedenen Düfte beschrieb.

„Was bevorzugen Sie selber?“ fragte ich sie, denn der Duft, der von ihr ausging, war frisch und zart und eigenwillig. Jetzt, da ich ihn einmal in mich aufgesogen hatte, würde ich ihn unter Tausenden wiedererkennen. Er passte gut zu Maria. Er war wie gemacht für sie.

„Jede Frau hat ihren eigenen Grundduft, wissen Sie“, sagte sie und lächelte mich zaghaft an, „etwas, das zu mir passt, muss nicht zu ihrer Frau passen. Es hat mit der Haut zu tun und mit den Farben. Beschreiben Sie mir Ihre Frau.“

„Sie hat Haare wie Sie, antwortete ich, „das heißt, sie sind heller, aber auch glatt; ihre Augen“ - beinahe hätte ich gesagt: ‚sind voller honigfarbener Sterne‘, konnte mich aber gerade noch zurückhalten - „sind blau, eisblau.“ Eisig blau. Kalte, wache, eisig blaue Augen. Augen, die durchdringen, einen warnen, fernhalten, nicht einladend umfassen, nicht einmal, wenn...

„Sie hat einen sehr schönen, hellen aber warmen Hautton“, fuhr ich fort und blickte auf Marias bloße Unterarme. „Mit langen, goldfarbenen Härchen, die einen schimmernden Flaum bilden und über die man sanft hinweg streicheln möchte, so dass sich ihre Haut leicht zusammenzieht.“ Erschrocken hielt ich inne, weil mir bewusst wurde, dass ich die Frau vor mir beschrieb und das, was ich mit ihr gern getan hätte. Eine solche Beschreibung war unangebracht und musste mein Gegenüber peinlich berühren, musste Verlegenheit bei jedem hervorrufen, der Zeuge solcher vermeintlich intimen Details wurde. Wieder trafen sich unsere Blicke. Marias Augen waren eine Spur dunkler geworden, und die Traurigkeit, die die ganze Zeit in ihnen geflackert hatte, trat für einen Augenblick in den Vordergrund. Sie blickte schnell weg und bemerkte leise: „Nun, Sie kennen Ihre Frau, Sie werden am besten wissen, was zu ihr passt. Ich lasse sie einfach an einigen Düften riechen, und dann entscheiden Sie.“

„Bitte“, sagte ich leise und eindringlich: „Ich brauche keine Düfte auszuprobieren. Ich habe gefunden, was ich suche. Geben Sie mir das Parfüm, das Sie selber benutzen. Bitte.“ Sie schien irritiert wegen der unverständlichen Zudringlichkeit mit der ich sprach. Dann dachte sie gewiss, dass es ein Parfüm war wie jedes andere auch. Warum sollte ein Kunde nicht dieses bevorzugen.

„Gut“, sagte sie deshalb und holte einen schlichten Flakon in einer weißen Verpackung mit einem goldenen Logo.

 

Ich hielt meine Uhr unter den Schalter, als ich zurückkam. Keine anderthalb Stunden. Das Päckchen trug ich wie eine kleine Trophäe vor mir her. Der Pförtner sah auf den Aufdruck und grinste.

 

Aus dem Nichts tauchte Schröder auf. „Oh, du willst Arena überraschen“, sagte er mit Blick auf das Päckchen. Ich nickte, mir war nicht sonderlich Wohl in meiner Haut. Jetzt, da ich erreicht hatte, was ich wollte, kam mir seltsam vor, was ich getan hatte. Andererseits, warum sollte ich meiner Frau keine Geschenke machen. Weil du das noch nie getan hast, kam die Antwort aus den Tiefen meiner Seele. Aber es ist ein sehr persönliches Geschenk. Eben. In einer sehr persönlichen Situation. Du hast Arena seitdem nicht mehr gesehen. Ein Grund mehr, dachte ich trotzig.

 

Gleichzeitig fragte ich mich erschreckt, ob ich sie wirklich wiedersehen und ihr das Parfüm überreichen wollte in Anspielung auf das, was geschehen war. Ich fühlte, wie mir der Schweiß langsam auf die Stirn trat, und die Hand, die das Päckchen hielt, wurde feucht. Laut sagte ich zu Schröder: „Ich dachte, ich mache ihr eine kleine Freude. Sie wird es in der nächsten Zeit ja nicht immer leicht haben, so eine Schwangerschaft...“ Ich brach ab. Schröder stand immer noch vor mir. Ich war sicher, dass er meine schwitzende Hilflosigkeit bemerkte. Etwas wie Mitleid zuckte durch die Grimasse, die er schnitt. „Vielleicht hat Arena auch eine Überraschung für dich“, sagte Schröder und hob grüßend die Hand als er weiterschlurfte in den Aufenthaltsraum.

 

An diesem Abend wartete ich auf Arena. Schröders Worte hatten mich tief beunruhigt. Ehrlich gesagt, hatten sie mich ins Mark getroffen. Es war eine deutliche Warnung, anders konnte ich es mir nicht erklären. Etwas ging hinter meinem Rücken vor, von dem ich mal wieder nicht das Geringste ahnte. Ich trat auf meinen kleinen Balkon und sah über den Fluss. Es war bereits fast dunkel. Ein beleuchtetes Festschiff schwamm vorbei. Sicher würde es an der Deutzer Brücke festmachen. Dann war die Party vorbei.

 

Was tat Arena so spät abends in der Redaktion? Bei allem Verständnis für ihren Eifer und ihren Ehrgeiz, das war im Grunde nicht mehr mit normalem Verhalten zu erklären. Schröder wollte mich warnen. Seit unserer Begegnung im Wasserturm hatten wir kein Wort mehr miteinander gesprochen, waren uns nur einmal morgens kurz begegnet, als sie bereits das Haus verließ, während ich noch frühstückte. Sie hatte mir eilig zugenickt und war gegangen. Wich sie mir aus? Warum? Weil sie bekommen hatte, was sie wollte? Was, wenn es nicht geklappt hatte, wer sagte denn, dass es immer beim ersten Mal klappen musste? Soweit ich wusste, war auch das einer der Gründe für die Reagenzglas Methode, dass sie meistens klappte. Und man nicht erst tausend vergebliche Versuche unternehmen musste. Ein sehr unangenehmer Gedanke. Andererseits war ich irgendwie sicher, dass sie den Zeitpunkt optimal gewählt hatte.

 

Sie war bei Dr. Becker gewesen. Na und? Das war ich auch. Mehrmals seit unserer ersten Begegnung. Er sprach jedes Mal kurz mit mir über die ‚Gedanken zum Tage‘, die zu seiner Zufriedenheit ausfielen, gab mir das Thema für den folgenden Tag, beziehungsweise ließ mich seit neuestem selber einen Vorschlag machen, und dann gingen wir wieder auseinander. Kein Wort mehr von Arena.

 

Ich hatte das sehr deutliche Gefühl, dass die Erprobungsphase noch nicht abgeschlossen war und sicher noch einige Zeit dauern würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Verhältnis zwischen dem Geschäftsführer und dem stellvertretenden Chefredakteur genauso wäre, wie zwischen hochstehendem Chef zu deutlich untergebenem Mitarbeiter. Wenn ich an Dr. Spengler dachte, dann musste ich annehmen, dass sein Ton Becker gegenüber ein deutlich anderer gewesen wäre, als der, den ich mir herausnehmen konnte. Vielleicht lag es an mir? Vielleicht war ich zu lange zurückhaltend, zurückgezogen, hatte zu sehr versucht, mich eher außerhalb der Gesellschaft zurechtzufinden, als dass ich meinen Platz in ihr gesucht hätte. Was Arena mir immer vorgeworfen hat. Und jetzt? Warum schien sie mir auszuweichen, seit ich den Erfolg verbuchen konnte, auf den sie so lange gewartet hatte? Oder war etwas schiefgelaufen?

 

Ich hörte, wie die Tür aufging und sie den Vorraum betrat. Es war fast Mitternacht. Einen Augenblick zögerte ich, ob ich sie wirklich ansprechen sollte, aber dann entschloss ich mich und öffnete die Tür meiner Einheit. Etwas wie Erschrecken spiegelte sich in ihren Zügen, allerdings nur für einen sehr kurzen Moment, und ich hätte nicht sagen können, ob das von meinem unerwarteten Auftritt herrührte oder ob etwas anderes dahinter steckte.

„Hallo“, grüßte ich, „kann ich dich einen Augenblick sprechen?“ Abweisung in ihrem Blick, in ihrer ganzen Haltung.

„Ich bin müde“, sagte sie. Selbst jetzt, mitten in der Nacht, sah sie aus wie aus dem Ei gepellt. Wo immer sie gewesen sein mochte, sie hatte auch jetzt ihre normale Alltags-Arbeitskleidung an, ein einfaches Kostüm, allerdings aus einem ziemlich edlen Stoff, würde ich sagen, aus einem sehr dunklen Blauton, dazu eine fast silberfarbene Bluse. Stand ihr ausgezeichnet. Während ich das dachte, fiel mir auf, dass ich ähnlich auf die gelungenen Formen eines Autos reagiert hätte oder eines Möbels. Die äußere Form eines Gebrauchsgegenstandes war mir immer wichtig. Natürlich kommt es bei einem Auto vor allem auf die Leistung an, klar, aber ich freue mich, wenn sie eine neue, noch schnittigere Form erfinden, und ich achte zu allererst darauf.

„Kann ich mir denken, kommst du jetzt erst aus der Redaktion?“

„Besprechungen dauern oft ewig, das weißt du doch.“ Ich dachte, dass ich niemals eine Besprechung hatte, die länger als eine halbe Stunde dauerte. Gleichzeitig fiel mir ein, dass ich als stellvertretender Chefredakteur sicher Besprechungen würde abhalten müssen, die sehr viel länger dauern würden.

 

In diesem Augenblick wurde mir klar, dass es eine Falle sein musste: Ich war gar nicht in der Lage, solcherart Besprechungen abzuhalten. Sie bereiteten mich auch gar nicht darauf vor. Sie ließen mich die ‚Gedanken zum Tage‘ schreiben, wie ich vorher meine Schönschreiberei betrieben hatte. Sie gaben mir Themen vor, die dieselben waren, wie seit Jahren. Ich variierte moralische, politische, soziale Ergüsse der vorgeschriebenen Ansichten. Das war mir in all den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen. Dr. Becker hatte kaum etwas zu beanstanden gehabt. Dann ließen sie mich selber auswählen und gaben damit vor, mich nach und nach in die Selbständigkeit zu führen. Dabei hatte ich mich verraten. Ich muss wahnsinnig gewesen sein, den Zoo vorzuschlagen. Und Arena wusste von alledem. Sie ließ mich bewusst in ihre Fallen tappen, hielt sich so weit wie möglich von mir fern. Blieb zu fragen, warum um alles in der Welt ich mit ihr in den Wasserturm musste.

„Ich habe ein Geschenk für dich“, sagte ich. „Wir sehen uns in letzter Zeit so selten, aber ich wollte...“ ich stockte. Was klang besser: ‚mich bei dir bedanken‘, ‚die Bedeutung der Gelegenheit würdigen‘? Ich sagte: „Dir eine Freude machen.“ Sie stutzte, überlegt kurz, nickte mit dem Kopf und war bereit, mir zuzuhören.

 

Wir setzten uns einen Augenblick. So wie wir vor der Begegnung im Wasserturm gesessen hatten. Es fehlte nur der Wein. Ich stellte das Päckchen vor sie hin.

„Ich hoffe, es gefällt dir.“ Auf jeden Fall sah ich, dass ihre Augen sich weiteten, wie in Vorfreude, in angenehmer Überraschung. Aber sie griff nicht direkt danach.

„Was ist es?“

„Mach es auf.“

Da erst nahm sie es zur Hand, ahnte natürlich anhand der Verpackung, worum es sich handelte und wickelte vorsichtig das Papier ab. Skeptisch sah sie auf den Karton, öffnete ihn und nahm den Flakon heraus. Sie zögerte, ob sie auch diesen aufmachen sollte, hielt inne, roch an der Flasche, verzog das Gesicht. Ich wusste nicht, ob ich hoffen sollte, dass ihr der Duft gefiel. Gleichzeitig kam mir der Gedanke, dass es unerträglich sein würde, Marias Geruch an einer anderen Frau, gar an Arena wahrzunehmen. Ich hatte einen Vorwand gebraucht, um mit Maria zu sprechen. Ich hätte es dabei belassen sollen. Warum hatte ich ausgerechnet dieses Parfüm gekauft, wusste ich nicht, dass die beiden Frauen unvereinbar waren. Inkompatibel. Wie unter Zwang sagte ich: „Du musste es aufmachen, sonst kannst du es nicht wirklich riechen.“ Sie öffnete den Flakon, schnupperte, sagte: „Das ist nicht meine Sorte“, und machte ihn wieder zu. Ich war unendlich erleichtert und sagte: „Ich tausche es um.“ Aber ich wusste nicht, welches ihre Sorte war.

„Was hättest du gern?“ Sie sah mich spöttisch an.

„Weißt du nicht, welches Parfüm ich benutze?“ Ich verneinte.

„Ich bin nicht sehr geschickt in solchen Dingen.“

„Und wie bist du auf dieses gekommen?“

„Ich habe mich beraten lassen.“ Hätte ich das nicht sagen sollen? Wussten sie es ohnehin? Es schoss mir durch den Kopf, dass ich Maria in Gefahr brachte. Aber nein. Ich war zum ersten Mal in einen Kosmetiksalon gegangen. Ich war Maria nie im Leben begegnet, Maria hatte keine Ahnung, wer ich war. Und Maria hieß Zeta.

 

„Ich dachte nach allem... ich hätte irgendwie reagieren sollen auf... du warst nie da... ich wollte.“ Hilflos suchte ich nach Worten, einer Erklärung, irgendeiner Verbindung zu Arena, die mir bestätigt hätte, dass alles war wie immer, dass meine Vermutung, sie arbeite gegen mich, nicht stimmte, dass ich nicht bereits mitten in meiner selbstverschuldeten Misere steckte. Aber sie nahm mein Geschenk nicht an. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Trotzdem hüpfte mein Herz unsinnigerweise vor Dankbarkeit, dass sie es nicht getan hatte. Sie hatte Marias Duft nicht angenommen. Es wäre einer Entweihung gleichgekommen.

„Wenn du mir eine Freude machen wolltest“, sagte Arena kalt, „wäre es das mindeste, dass du mir das Produkt schenkst, das ich immer benutze.“

„Wie beschreibt man den Duft seiner Frau, wenn man den Namen des Parfüms nicht kennt?“ verteidigte ich mich, als sei da noch etwas zu machen.

„Utopie“, sagte sie und stand auf. Sie sprach es französisch aus. Ü-to-pie. Es ist sehr seltsam, wie manche Dinge sich halten. Während die Sprache der Wissenschaft, die Sprache der Gesellschaft natürlich Englisch ist und viele Begriffe unseres täglichen Sprachgebrauchs kaum mehr Deutsch zu fassen sind: fast Food, Top dog, Mail etc., ist die Sprache der Schönheit, die Sprache der Frauen, die Sprache der Liebe, was man allgemein darunter versteht, immer noch, wie im 20. Jahrhundert, vom Französischen geprägt, obwohl diese Sprache im internationalen Vergleich sonst kaum mehr eine Rolle spielt.

„Du weißt eine ganze Menge nicht“, sagte sie noch und verschwand in ihren eigenen vier Wänden.

 

Dieses Verhalten kann mich nach allem nicht mehr überraschen, aber ich denke, das war es, was Schröder meinte. Der Bruch. Ich weiß, dass ich sehr beunruhigt sein sollte. Tief im Innern bin ich es natürlich auch. Und dennoch überwiegt ein Gefühl grenzenloser Freude alles andere. Ich nehme den geöffneten Flakon an mich, falte das Papier sorgsam zusammen. Ich werde es ihr zurückbringen. Ich habe einen Grund – einen Vorwand, sie noch einmal aufzusuchen. Ich muss verrückt sein. Aber ich kann nicht anders. Ich werde es tun. Und wenn ich sie gefährde? Die Angst um Maria ist plötzlich stärker als die Angst um mein eigenes Leben. Ich rieche an dem Flakon.

 

Schuster ist mürrisch. Ich habe ihn hin und her geschickt. Er hat keine Lust mehr. Er sucht die Dinge, die ich ihm nenne, in seinem PC. Er hat natürlich ein eigenes Programm. Dann steht er auf und holt mir das Verlangte. Ich sehe ihm über die Schultern, habe schnell begriffen, wie sein Programm funktioniert. Wenn er die Bücher und Zeitungen holt, ist er manchmal zehn Minuten weg, ab und zu auch länger. Vielleicht muss er tatsächlich so lange rumsuchen, vielleicht will er mich nur ärgern. Ich merke mir den letzten Stand auf dem Bildschirm und gebe, als er wieder einmal in den hinteren Räumen verschwindet, den Begriff ‚Klon‘ ein. Die Antwort kommt unmittelbar: Erfasst: 1336 Titel, und darunter: GESPERRT. Aber es gibt ein PASSWORD, um die Sperrung aufzuheben, das ich natürlich nicht kenne. Ich gehe zum Ausgangspunkt zurück.

 

Als Schuster zurückkommt, frage ich ihn, ob er auch alle Zeitungsbestände vor 2025 erfasst hat.

„Selbstverständlich“. Ob er mir rausfinden kann, wann das mit den Organbanken angefangen hat. Wir sind total fortschrittlich in dieser Beziehung, keine andere Regierung hat es so weit gebracht. Aber es ist ja immer interessant zu sehen, wo die Anfänge liegen, von wo ab zum Beispiel unsere Regierung bei gleichem Stand der Wissenschaft neue Wege gegangen ist, die den Fortschritt schließlich herbeigeführt haben. Es wäre also interessant zu erfahren, wie die Lage vor Antritt der Regierung ausgesehen hat. Trotz der Dicke von Schusters Brillengläsern sehe ich, wie sich etwas Aufmerksames, Lauerndes in seinen Blick schleicht. Natürlich ist das ein brisantes Thema. Andererseits gibt es Organbanken, das weiß jedermann. Und wir sind führend auf diesem Gebiet, keine Frage. Es ist ein Thema für den Lobgesang, sogar ein sehr wichtiges, denke ich, es betont die Überlegenheit unseres Systems auch international.

 

Schuster gibt das Wort ‚Organbanken‘ ein. Ich kann nicht so schnell sehen, wie viele Eintragungen, weil ich abgelenkt werde von der Bemerkung: Vor 2025: 11 Titel, GESPERRT.

„Immerhin“, sage ich, „elf Titel. Kannst du mir die holen?“ Er schüttelt den Kopf. Er braucht eine Sondergenehmigung.

„Lass mal“, sage ich, „die besorge ich mir von Dr. Becker persönlich.“

„Viel Glück“, sagt er. Klingt das ironisch?

Für den Rest des Morgens belasse ich es bei den Sachen, die er mir besorgt hat und gebe vor, zu arbeiten.

 

Es ist wahrscheinlich langsam an der Zeit, den Lobgesang zu strukturieren. Ich habe jetzt genug Material zusammen. Ohnehin werde ich nichts Neues sagen. Ich wundere mich schon die ganze Zeit, warum man dieser Hymne so sehr viel Bedeutung beizumessen scheint. Was könnte ich sagen, was nicht schon tausendmal gesagt worden ist? Natürlich, am Anfang war ich zuversichtlich, dass es auf das Wie ankäme, nicht so sehr auf das Was. Ich habe wirklich geglaubt, dass es einen Unterschied macht. Schließlich war und bin ich mit Leib und Seele Schönschreiber. Es ist auch gar keine Frage, dass sich der Stil der ‚Gedanken zum Tage‘ sehr verändert hat, seit nicht mehr Dr. Spengler dafür verantwortlich ist, sondern ich. Ich habe bereits zahlreiche Komplimente dafür bekommen. Ich weiß natürlich, dass niemand es wirklich zum Ausdruck bringen würde, wenn er meine Arbeit schlechter fände als die von Spengler. Aber ich glaube, bisweilen tatsächlich Anerkennung herauszuhören aus dem, was man mir sagt, und ganz allgemein ist klar, dass ich anders schreibe. Ich bin anders. Ich war immer schon anders.

 

Ich hebe den Kopf und blicke in die Ferne, in der ich meine Großmutter sehe. Sie nickt mir wohlwollend zu. Sie streicht mir über den Kopf. Sie sagt: ‚Mein kleiner Böll‘ – auch sie nannte mich nie anders als Böll, aber sie sagte immer: ‚Mein kleiner Böll‘ – ‚ich habe große Hoffnung, wenn ich dich beobachte, irgendwie flößt du mir Hoffnung ein‘. Ich habe damals nicht verstanden, was sie meinte, aber ich habe sehr wohl gespürt, wie gern sie mich hatte und natürlich habe ich ihre Gefühle erwidert.

 

Heute denke ich, dass sie bei aller Skepsis, die sie unserer Welt entgegenbrachte, voller geheimer Genugtuung sah, dass nicht alles perfekt war, dass trotz aller Bemühungen der Regierung nicht alles so funktionierte, wie sie es wollten. Sie sah, dass ihr eigener Sohn und ihre Schwiegertochter vollständig auf die neue Gesellschaft und ihre Errungenschaften abfuhren, und ich glaube, das ängstigte sie. Obwohl mein Vater sie entgegen dem ausdrücklichen Wunsch der Regierung leben ließ, bis sie eines natürlichen Todes starb.

 

Und dann war ich da. Und ich war anders. Ich war eher wie sie selber. Natürlich war ich mehr noch als meine eigenen Eltern von Anbeginn meines Lebens an von unserer Gesellschaft geprägt. Viele Dinge, viele Einstellungen zum Leben wurden uns in der Schule mitgegeben, davon habe ich mich nie frei machen können oder wollen, denn ich wollte sicher nie anders sein als meine Schulkameraden. Aber ich hatte so eine Großmutter, die die anderen nicht hatten, und ich hörte auf das, was sie mir zu sagen hatte. In manchem bot sie mir eine Alternative. Nicht, dass ich mich je getraut hätte, ihre Ansichten weiter zu verfolgen oder etwa in die Diskussion zu werfen. Aber ich hörte ihr zu, aufmerksam, wissbegierig. Das muss sie getröstet, mit eben der Hoffnung angefüllt haben, von der ich erzählt habe. Vielleicht war es das Schönschreiben, was mir in all den Jahren geholfen hat, das Schizophrene der unterschiedlichen Welten, mit denen ich konfrontiert war, zu bewältigen.

 

Vielleicht ist es das: mein ganzes Leben lang habe ich nichts dabei gefunden, in zwei Welten zu leben, die nicht nur nichts miteinander zu tun hatten, sondern die unvereinbar waren. Deswegen konnte ich all die Jahre Schönschreiben in einer Redaktion, die sehr streng alle Regeln unserer Regierung vertrat. Deswegen konnte ich eine Frau wie Arena heiraten,  die ich nicht liebte, wobei Liebe in meinem bisherigen Leben keine wirkliche Bedeutung gehabt hatte, mit der ich gleichwohl bereit war, meinen Samen zu vermischen, um Nachkommen zu zeugen, wie das normalerweise von uns erwartet wurde. Deswegen kam mir niemals der Gedanke, dass das ein unpassendes Match war zwischen einer so ehrgeizigen Frau und einem harmlosen Schönschreiber, dessen Karriere bereits am Endpunkt aller Wünsche angelangt schien, als er sie heiratete. Und deswegen, schließlich, bin ich das Wagnis eines Zusammentreffens mit Wallraf eingegangen. Irgendwie muss ich trotz aller Angst geglaubt haben, ich könne nicht wirklich entdeckt werden.

 

Wallraf gehört einer anderen Art Leben an. Wallraf gehört in die Welt der Erinnerungen an meine Großmutter, Wallraf, das sind die Gedanken, denen ich im Dom nachhänge. Im Grunde habe ich immer schon eine Art Doppelleben geführt. Ich bin nie aufgefallen damit. Niemand, mit Ausnahme vielleicht von Schröder, würde je vermuten, dass ein anderer Böll hinter dem existiert, der für alle sichtbar ist. Und auch bei ihm bin ich mir natürlich nicht sicher. Bei ihm spielt es aber keine Rolle. Denn Schröder hat noch immer seinen Weg in mein Verständnis gefunden.

 

Aber jetzt waren sie vielleicht doch dahintergekommen? Und jetzt gab es Maria.

 

Ich versuchte noch einmal alles zusammen zu fassen: Aus welchen Gründen auch immer Arena sich von mir entfernt hatte: ich war immer noch derjenige, der die tägliche Kolumne schrieb. Ich sollte auf dem Ov-Ov-Festival zum stellvertretenden Chefredakteur ernannt werden, ich würde die Hymne vorlesen, ich würde von da ab ein geachtetes, sogar in gewisser Weise mächtiges Mitglied unserer Redaktion sein. Ich würde Vorteile und Vergünstigungen genießen, die die anderen nicht hatten, und das würde schon auf dem Ov-Ov-Festival anfangen. Meine Frau würde gut daran tun, sich meines Wohlwollens zu versichern. Vielleicht würde ich auf sehr vertrautem Fuß mit Dr. Becker stehen.

 

Ich merkte, wie Schuster ab und zu zu mir herüber starrte. Solche wie der würden vor mir auf die Knie gehen, dafür wollte ich sorgen.

 

Sie konnten nichts von Wallraf mitbekommen haben, es war einfach unmöglich. Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen. Es passte nicht zusammen.

 

Als ich die Bibliothek verließ und flüchtig zu Schuster rüber grüßte, sah ich die Kamera. Sie war so angebracht, dass der Eingang mit Schusters Arbeitsplatz damit überwacht werden konnte. Wahrscheinlich aber war sie schwenkbar und konnte bei Bedarf den ganzen Raum erfassen. Na, wenn schon, was hatte ich groß Auffälliges getan. Es gelang mir allerdings nicht, mich vollständig zu beruhigen.

 

An diesem Tag wartete ich bis nach Dienstschluss, ehe ich zum Neumarkt eilte. Ich arbeitete etwa eine Stunde länger, um nicht aufzufallen. Außerdem konnte ich später noch einmal in Ruhe in die Redaktion zurückkommen. Ich konnte mich aber auch dem allgemeinen Bildungsprogramm anschließen. Vielleicht sollte ich das machen: Wiederkommen und in der hintersten Reihe einem Vortrag lauschen. Hinterste Reihe, eher allein, nicht mit den anderen zusammen, schon mal so tun, als kontrolliere man den Ablauf der Angelegenheit, als nähme man zur Kenntnis, wer alles da war. Spengler-Autorität. Die da oben mochten denken, was sie wollten.

 

Als ich mich den großen Galerien näherte, kam mir der schreckliche Gedanke, sie könnte vielleicht nicht im Geschäft sein, aus welchen Gründen auch immer. Der ihr turnusmäßig zustehende freie Tag, Krankheit, Urlaub. Oh Gott, vielleicht hatte man ihr etwas angetan. Ich rannte fast, ohne auf meine Umgebung zu achten.

 

Wieder konnte ich sie durch das Schaufenster sehen. Sie war damit beschäftigt, irgendetwas aus Kartons in Regale zu packen. Die Schwarze bediente einen Menschen, der auf ihre Reize offensichtlich eher ansprang, als ich das getan hatte. Fast unbemerkt trat ich in den Laden und an Maria heran. Sie erschrak ein kleines bisschen, als sie mich wahrnahm, aber sicher nur, weil ich so plötzlich dastand. Dann erkannte sie mich und ließ mich das mit einem kleinen Lächeln spüren.

„Guten Tag“, grüßte sie mich, „mochte Ihre Frau den Duft?“ Den Duft. Ihren Duft, deinen Duft. Ich sog sie in mich ein, wie ich es gestern erst getan hatte, wie ich heute Nacht an dem Flakon gerochen hatte, um mich an sie zu erinnern. Es hatte funktioniert, aber es war ja nicht im Entferntesten dasselbe wie jetzt, da ich vor ihr stand. Wie hatte sie gesagt: jede Frau hat ihren eigenen Grundduft. Marias Grundduft. Ich war versucht, mich ganz nah zu ihr herüber zu beugen, um an ihr zu riechen.

 

Ich bemerkte ihre Verwirrung und antwortete schnell: „Leider nicht. Leider hatte ich völlig vergessen, wie das Parfüm meiner Frau heißt, jetzt weiß ich es, ich würde das gern umtauschen.“

„Kein Problem“, lächelte sie freundlich, „das heißt natürlich, wenn Sie die Originalverpackung noch haben.“ Ich gab ihr das Päckchen. Sie sah, dass es geöffnet war.

„Oh“, sie schien betrübt, „Sie haben es geöffnet.“

„Meine Frau hat es geöffnet, um zu sehen, ob ihr der Duft gefallen könnte, obwohl es nicht ihr übliches Parfüm – aber es hat ihr nicht gefallen, sie ist ein anderer Typ.“

„Ich weiß nicht, ob wir das zurücknehmen können, wenn es schon aufgemacht worden ist, die Versiegelung, ich hoffe, Sie haben Verständnis.“

„Utopie“, bemerkte ich, ohne richtig darauf zu achten, was sie mir sagen wollte. „Meine Frau benutzt Utopie‘“.

„Ah ja.“

 

Maria wendete sich zu einem Regal in der Nähe und holte Arenas Parfüm, um es mir zu geben. Ich erkannte den Flakon wieder, und ich erinnerte mich sogar vage daran, wie Arena roch.

„Es ist ganz in Ordnung“, sagte ich verloren in Erinnerung an Arenas Gegenwart, die mir doch eigentlich immer angenehm gewesen war, obwohl sie mich nie überwältigt hatte.

„Oh ja“, hörte ich Marias Stimme, eine wunderbare Stimme, die aber jetzt den konventionellen Ton eines Verkäuferinnengesprächs angenommen hatte. „Utopie ist ein sehr voller Duft, im Augenblick sehr beliebt bei den Damen.“ Wahrscheinlich war es das führende Parfüm bei allen Frauen, die wie Arena am Puls der Zeit sein wollten.

„Und ihres?“ fragte ich und sah sie an.

„Wie meinen sie das?“ fragte sie erschrocken zurück, weil das eine Art Konversation zu werden begann, die sie, wie ich sehr wohl begriff, lieber nicht mit einem Fremden führen wollte.

„Ich meine, ist es auch beliebt, so im Allgemeinen?“

„Nun, es ist nicht unbeliebt“, begann sie und fasste sich wieder, indem sie den Verkaufston anschlug. „Wir haben es schon lange im Sortiment, es ist kein neuer Duft, eher ein bisschen altmodisch, vielleicht, aber es gibt immer noch Kundinnen, die danach fragen.“

„Er ist wundervoll“, unterbrach ich sie. „Und er passt zu Ihnen. Ich möchte Ihnen den geöffneten Flakon schenken“, und als sie zurückwich: „Bitte, Maria, nehmen sie es an!“

 

Es war mir so rausgerutscht. Ich hatte es nicht sagen wollen. Ich hatte sie nur noch einmal sehen, mit ihr sprechen wollen. Ich hatte sie riechen, sie einatmen wollen für alle Ewigkeit! Nein, ich wollte sie nicht erschrecken, ich wollte Wallraf nicht verraten, ich wollte uns nicht in Gefahr bringen.

 

Sie war blass geworden, dann rot, dann wieder blass. Dann ließ sie mich einfach stehen. Langsam, sehr würdevollen Schritts ging sie einfach in den rückwärtigen Teil des Ladens und verschwand hinter einem Vorhang. Ich begriff, dass sie nicht wiederkommen würde. Ich hatte mir den Weg verbaut, sie jemals wieder zu sehen. Ich nahm den Flakon Utopie, ging zu einer der Rothaarigen, bezahlte und verließ den Laden. Alles geschah so plötzlich, dass der Mann, der vor dem Schaufenster gestanden und mich beobachtet haben musste, offensichtlich nicht mehr schnell genug reagierte. Ich rannte fast in ihn hinein. Er hatte ein ordinäres Gesicht. Ich kannte ihn. Es war der Biertrinker damals vom Stadion. Während ich weiterhastete, ohne etwas zu ihm zu sagen und ohne zu erkennen zu geben, dass ich ihn erkannt hatte, kam es mir, als ich ihn aus den Augenwinkeln sah, sogar so vor, als sei er auch der Mann gewesen, den ich am Zoo bemerkt hatte. Angst kroch an mir hoch, während ich weg zu laufen versuchte. Wie eine schleimige Substanz drang sie mir in alle Poren. Ich konnte sie nicht abschütteln, egal wie schnell ich lief.

 

Weiter geht´s mit dem nächsten Kapitel am 26.05.2024 ...